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Wolfgang Wurm, Lyrik


Texte



Vergewisserung

Zwillinge

Spiritus

Die Tanzenden

Gesinnte

Große Geister

Orpheus

Der Chor der Zikaden

Stillste Nacht

Geysir




  Vergewisserung


Hierher werde ich
Mein Dennoch nehmen

Keine Handvoll Erde
Über wärmendem Wort

Im Wind entziffern
Was die Frage verschwieg

Wahrhaftigkeit
Inneren Auges

Da Herkunft abweist
Im Seiltanz bestehn

Statisten, Götter
Wer weiß



Zwillinge


Wandern wollen
Zur gleichen Zeit
Auf beiden Seiten
Des Flusses

Dialoge in
Selbstgesprächen
Eins und eins
Geht entzwei

Hirnhälften misstrauen
Dem Hand in Hand
Versprechen sich zweifelnd
Im Du

Gemeinsam vereinzelt
Vor Verlangen getrennt
In freiem Willen
Gebunden

Möchten und
Möchten nicht bleiben
Bei dir, bei mir und
Für sich



Spiritus


Übervoll
Das Arsenal im
Hohlraum der Brust
So lange von niemand mehr
Herz genannt

Niedergerissen
Die berstende Burg
Berauschter Bewohner
Auf brennendem Pferd
Die Bühne benzinübergossen

Mit wehenden Fahnen
Die wievielte Flucht
Vor Flammenheeren
Ins Feuer

Von Gier betrunken
Den Geist verzehrt
Dieser Durst nach Hunger
Dieser Hunger nach Durst



Die Tanzenden


Es ist ein
Spiel aus dem
Was wir
Liebe nennen
In vereinzelten
Stunden der
Hoffnung

Für wenige Zeichen
Über den
Zweifel erhaben
Der Geduld hat
Weil seine Rückkehr
Gewiss ist

Dann reichen wir uns
Augenblicke
Zärtlich verschlüsselt
Einig als wären wir
Sicher

Aus vollen Händen
Ein Blumenmeer
Verschwenderisch
Im Vertrauen

Näher am Abgrund
Wir wissen genau
Keiner wird
Den anderen
Halten



Gesinnte


Aufseiten der Guten
Sind wir ganz unter uns
Betreff: betroffen
Man kennt sich

Aus gegebenem Anlass
Eine Resolution
Das Pressebild
Besser ohne Prosecco

Geladene Gäste
Spenden beiläufig Beifall
Gefallsucht
Findet Gefallen

Satzungsgemäß
Ein entschiedenes Jein
Zum Recht des Unrechts
Auf Würde



Große Geister


Im Licht der Epoche
Stehn sie unnahbar
Niemals gebrochen
In ihrer Erkenntnis

Gezeichnete, freilich
Vom Leiden zerfurcht
An Gewöhnlichkeit
Und Verstellung

Nicht halbwegs im Reinen
Vor Block und Stafflei
Irrend durch
Nassfaule Gassen

Noch elender wenn sie
Morgens, allein
Zitternd in der Rache
Des Rausches

Und wissend, jeder Tag
Zwingt auch sie
In Zustimmung und
Bedürfnis



Orpheus


Auch ich
Wandte mich um

Erblickte nicht dich
Noch Eurydike

In die Tiefe
Musste ich doch



Der Chor der Zikaden


Ist es ein
Singen
Sägen
Sirren
Mit Macht

Aus den Pinien
Durchdringt es
Die Hitze

Und sprichst du
Übertönt es
Mit Gleichmut
Dein Wort

Wenn du willst aber
Wird es Teil
Deiner Landschaft



Stillste Nacht


Ganz leise rücken die Zeiger der
Innern Uhr Herzschlag
Für Herzschlag gen
Mitternacht vor

Leuchtfeuer spärlich
Vom Festland entfernt
Schicken wie Sternbilder
Weiß all die Namen

Erloschener in das Dunkel
Als Heimruf in stumme
Gebete das Meer ist
Gefroren der Weg

Ist so weit und wäre es
Wiederum möglich



Geysir


Lange genug
Das Feuer geschluckt
Angstvoll
Daran zu ersticken

Umrundeten wir einmal den Krater

Wieder und wieder
In Tiefen zu rasen
Auf glühenden Kern
Peitscht der Flutschwall

Zum Schein hielten wir uns an den Händen

Bis er emporschlägt, letztmals
Mit vernichtender Wut
Sich alles erschöpfend
Entfesselt

Eine Rückkehr wird es nicht geben

Jetzt kann er ruhen
Erdalter lang




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